Zurück in die Türkei? Streit um die Gebeine des Nikolaus

24 Jan

Jan Herbermann aus Genf, 24. Jänner 2013, 18:19

Ein türkischer Professor will erreichen, dass Überreste des heiligen Nikolaus aus der Schweiz zurück in die Türkei gebracht werden. Im Bistum Freiburg reagiert man mit strikter Ablehnung

Imposant ragt die Kathedrale St. Nikolaus über den mittelalterlichen Kern der Stadt Freiburg. Das Gotteshaus bildet den optischen und spirituellen Mittelpunkt der ehrwürdigen Schweizer Bischofsstadt. Und in den Gemäuern von St. Nikolaus findet sich eine wahre Schatzkammer: Gemälde, Skulpturen und Glasarbeiten, Gold und Silber.

Doch jetzt ist ein Streit um einen Teil der Kostbarkeiten entbrannt: Es ist ein Streit um Gebeine des heiligen Nikolaus von Myra. Sie ruhen seit dem Spätmittelalter in Freiburg, dessen Schutzpatron der legendenumwobene Nikolaus ist. Heute ist die silberne Arm-Reliquie in der St. Michael-Kapelle der Kathedrale zu bestaunen.

Professor fordert Regierungsunterstützung

Ausgelöst hat den Zwist der türkische Archäologie-Professor Nevzat Çevik von der Akdeniz-Universität in Antalya. Er fordert den Vatikan und das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg auf, die Gebeine des heiligen Nikolaus aus der Schweiz und anderen Orten in sein Herkunftsland zurückzugeben – und das ist die heutige Türkei. In Freiburg reagiert man empört auf das Ansinnen, Westschweizer Medien berichten schon von einem aufziehenden „Religionskrieg“.

Nikolaus (geboren etwa 270, gestorben etwa 342) wirkte im vierten Jahrhundert als Bischof von Myra (heute Demre im türkischen Südanatolien). Orthodoxe und katholische Christen schreiben dem überaus populären Heiligen etliche Wundertaten zu. Öl, das aus seinen Gebeinen floss, soll Kranke geheilt haben. Der Überlieferung nach starb Nikolaus an einem 6. Dezember, in Demre steht sein Sarkophag. Seit 1500 Jahren pilgern Gläubige aus der ganzen Christenheit in den Ort.

„Der heilige Nikolaus ist auch für die muslimische Welt wichtig. Er hat versucht, das Christentum zu verbreiten, das auch eine Religion Gottes war“, betont Professor Çevik. Er will, dass die Nikolaus-Gebeine in dem leeren Grab in der Türkei ruhen. Der Professor setzt darauf, dass die türkische Regierung sich seine Forderung zu eigen macht. Bisher aber haben die politisch Verantwortlichen in Ankara noch keinen Anspruch auf die Reliquien erhoben.

Gestohlene Reliquien

Die Befürworter einer Rückgabe führen vor allem den „Diebstahl“ der Nikolaus-Gebeine im Jahr 1087 aus der Kirche zu Myra ins Feld: Christliche Seeleute entwendeten die Reliquien und brachten sie in das süditalienische Bari. Die Männer wollten die Schätze vor den muslimischen Sarazenen schützen.

Doch wie gelangten einige der Knochen nach Freiburg? Nachdem die Freiburger sich im 12. Jahrhundert unter den Schutz des heiligen Nikolaus gestellt hatten, wurden Stimmen laut, Gebeine des Patrons in der Stadt aufzubahren. Im Jahr 1405 brachte ein Abt Reliquien von einer Pilgerfahrt von Rom nach Freiburg. Seit 1506 bewahrt die Kathedrale St. Nikolaus einige der Gebeine auf. Auf Geheiß des Papstes. Und dort sollen sie auch für immer bleiben – so sagen es die Domherren.

„Niemals werden wir die Reliquien des heiligen Nikolaus hergeben“, stellt der Propst Claude Ducarroz klar. „Die Gebeine gehören der Kirche und dem Freiburger Volk, sie haben für uns eine enorme religiöse, historische und kulturelle Bedeutung.“ Die Reliquien hätten sich immer in christlichen Händen befunden, macht der Propst klar. „Und jetzt will man sie in ein Land holen, in dem Islamisten eine starke Rolle spielen?“ , fragt er, um sich gleich selbst die Antwort zu geben: „Nein.“ (Jan Herbermann aus Genf, DER STANDARD, 25.1.2013)

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