Geschichte des Kulturgüterschutzes

Auf internationaler Ebene findet der Kulturgüterschutz seinen Ausdruck im Humanitären Völkerrecht, einer zusammenfassenden Bezeichnung für alle Bestimmungen des Völkerrechts, welche im Falle eines Krieges oder eines bewaffneten Konflikts den weitmöglichen Schutz von Menschen, baulichen Einrichtungen sowie der natürlichen Umwelt vor Kampfauswirkungen zum Ziel haben. Historisch und inhaltlich von größter Bedeutung sind dabei die Genfer Konventionen mit ihren Zusatzprotokollen und die Haager Abkommen.

Die Anfänge des Humanitären Völkerrechts reichen bis ins Mittelalter zurück. In seiner gegenwärtigen Form ist jedoch das Humanitäre Völkerrecht vor allem mit der  1864 abgeschlossenen Genfer Konvention, welche auf den Vorschlägen des Genfer Geschäftsmanns Henry Dunant beruht, verknüpft. Die Genfer Konvention von 1864 stellt den ersten völkerrechtlichen Vertrag dar, der die Regeln zur Kriegsführung festlegte.

Historisch betrachtet geht der Schutz von Kulturgut auf den Artikel 56 der Haager Landkriegsordnung zurück. Im später als „Roerich-Pakt“[1] bezeichneten Vertrag wurde versucht, den Schutz von Kulturgut auf künstlerische und wissenschaftliche Einrichtungen und geschichtliche Denkmäler auszuweiten.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und als Ergebnis jahrzehntelanger Vorarbeiten wurde am 14. Mai 1954 in Den Haag die „Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“ samt den Ausführungsbestimmungen und dem Protokoll von 37 Staaten unterzeichnet. Damit erreichte sie weitreichende Relevanz und stellt zusammen mit den Zusatzprotokollen von 1954 und 1999 die heutige Rechtsbasis dar.

Die Konvention definiert Kulturgut als bewegliche oder unbewegliche Güter, welche für das kulturelle Erbe der Völker von großer Bedeutung sind (Bauten, Kunstwerke religiöser oder profaner Art, archäologische Stätten, Bücher, Archivalien, Sammlungen, Manuskript usw.). Ebenso werden Baulichkeiten, die der Erhaltung oder Ausstellung des oben erwähnten beweglichen Kulturgutes dienen (Museen, Bibliotheken, Archive, Bergungsorte) sowie Denkmalzentren (Orte mit Kulturgut in beträchtlichem Umfang).

Neben Sicherungsmaßnahmen in Friedenszeiten umfaßt der Schutz dieses Kulturgutes auch den Respekt vor Kulturgut im Falle eines bewaffneten Konflikts. Vernichtung, Beschädigung, Diebstahl, Plünderungen oder andere Formen widerrechtlicher Inbesitznahme oder gegen Kulturgut gerichtete Repressalien sind verboten. Die Konvention definierte auch ein Schutzzeichen, welches zur Markierung von geschütztem Kulturgut dient. In dreifacher Ausfertigung kann es zur Kennzeichnung von Einrichtungen unter Sonderschutz verwendet werden. Von letzterem betroffen sind Bergungsorte, Denkmalzentren und andere als besonders wichtig einzustufende unbewegliche Kulturgüter. Voraussetzung für die Gewährung des Sonderschutzes ist die Eintragung der Objekte in das von der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (UNESCO) geführte „Internationale Register für Kulturgut unter Sonderschutz“.

Das zweite Zusatzprotokoll der Haager Konvention definiert auch fünf schwere Verstöße:

  • Angriffe gegen Kulturgut unter Sonderschutz
  • Nutzung von Kulturgut unter Sonderschutz für militärische Zwecke
  • Zerstörung oder Aneignung von geschütztem Kulturgut
  • Angriffe gegen geschütztes Kulturgut
  • Diebstahl und Plünderung von Kulturgut.

Verstöße gegen o.a. Punkte unterliegen der individuellen strafrechtlichen Gesetzgebung der Vertragsstaaten.

Im Jahr 1972 verabschiedete die internationale Staatengemeinschaft das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Menschheit“. Mit bis dato 184 Unterzeichnerstaaten ist die UNESCO-Welterbekonvention das wohl bedeutendste völkerrechtlich verbindliche Instrument zum Schutz des Kultur- und Naturerbes. Darin verpflichtet sich jedes Land zum Schutz und zur Bewahrung der innerhalb seiner Landesgrenzen. Einmal jährlich entscheidet das mit ExpertInnen aus 21 Ländern besetzte Welterbekomitee über die Aufnahme von Stätten in die Welterbeliste. Evaluiert und beraten wird das Komitee vom Internationalen Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) und der Internationalen Naturschutzunion (IUCN). Als Aufnahmekriterien werden vor allem die „Einzigartigkeit“ und „Authentizität“ eines Kulturdenkmals bzw. die „Integrität“ einer Naturerbestätte herangezogen. In der UNESCO-Welterbeliste finden sich über 850 Kultur- und Naturerbestätten aus mehr als 140 Staaten. Österreich ist derzeit mit acht Kultur- bzw. Naturerbestätten in dieser Liste vertreten. Es sind dies: die Altstadt von Salzburg, das Schloß und der Park von Schönbrunn, die Kulturlandschaft Hallstatt-Dachstein/Salzkammergut, die Semmeringbahn mit umgebender Landschaft, die Altstadt von Graz, die Kulturlandschaft Wachau, das Historische Zentrum von Wien und die Kulturlandschaft Neusiedler See. 

Besondere Bedeutung kommt der Erhaltung und Förderung der kulturellen Vielfalt zu, welche bereits in der UNESCO-Verfassung aus dem Jahre 1945 festgeschrieben wurde. Im Jahr 2001 verabschiedeten die UNESCO-Mitgliedsstaaten die „Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt“, welche am 18. März 2007 in Kraft trat. Hierin wird jedem Staat das Recht zugestanden, regulatorische und finanziellen Maßnahmen zu ergreifen, welche darauf abzielen, nationale kulturelle Waren und Märkte sowie Dienstleistungen im Kulturbereich zu sichern und zu begünstigen. Als eines der ersten EU-Mitgliedsstaaten konnte Österreich den innerstaatlichen Ratifizierungsprozess bereits Mitte des Jahres 2006 abschließen und wurde für die Dauer von zwei Jahren in das Zwischenstaatliche Komitee für die Implementierung der Konvention gewählt.

Die Ziele des Übereinkommens[2] sind:

a) die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu schützen und zu fördern;

b) die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Kulturen sich entfalten und frei in einer für alle Seiten bereichernden Weise interagieren können;

c) den Dialog zwischen den Kulturen anzuregen, um weltweit einen breiteren und ausgewogeneren kulturellen Austausch zur Förderung der gegenseitigen Achtung der Kulturen und einer Kultur des Friedens zu gewährleisten;

d) die Interkulturalität zu fördern, um die kulturelle Interaktion im Geist des Brückenbaus zwischen den Völkern weiterzuentwickeln;

e) die Achtung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu fördern und das Bewusstsein für den Wert dieser Vielfalt auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu schärfen;

f) die Bedeutung des Zusammenhangs zwischen Kultur und Entwicklung für alle Länder, insbesondere für die Entwicklungsländer, zu bekräftigen und die Maßnahmen zu unterstützen, die auf nationaler und internationaler Ebene ergriffen werden, um die Anerkennung des wahren Wertes dieses Zusammenhangs sicherzustellen;

g) die besondere Natur von kulturellen Aktivitäten, Gütern und Dienstleistungen als Träger von Identität, Werten und Sinn anzuerkennen;

h) das souveräne Recht der Staaten zu bekräftigen, die Politik und die Maßnahmen beizubehalten, zu beschließen und umzusetzen, die sie für den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in ihrem Hoheitsgebiet für angemessen erachten;

i) die internationale Zusammenarbeit und Solidarität in einem Geist der Partnerschaft zu stärken, um insbesondere die Fähigkeiten der Entwicklungsländer zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu erhöhen.

Eine 2004 in Österreich gegründete ARGE „Kulturelle Vielfalt“ dient als Dialogplattform zwischen allen kulturellen AkteurInnen und Ebenen. Die ARGE vertritt dabei die Interessen der Kunst- und Kulturschaffenden, bietet Expertisen und stellt Fachwissen zur Verfügung, steht der Bundesregierung und den Ländern als Berater zur Verfügung und informiert die Öffentlichkeit über die Konvention und ihre Auswirkungen.[3]

Am 17. Oktober 2003 fand in Paris die Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes (Convention for the Safeguarding of  the Intangible Cultural Heritage) statt, welche im April 2006 in Kraft trat. Bis dato haben etwa 90 Staaten die Konvention von 2003 ratifiziert; Österreich befindet sich derzeit im Ratifizierungsprozess. Zur Begleitung der Ratifizierung und als Informations- und Kommunikationsplattform wurde mit Beginn des Jahres 2006 innerhalb der UNESCO-Kommission in Wien die „Nationalagentur für das immaterielle Kulturerbe“ eingerichtet.

Die Konvention aus dem Jahre 2003 wertet das sogenannte „living heritage“ (lebendiges Kulturerbe) auf. Durch den Versuch, gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen für den Schutz der Weitergabe von Alltags- und Gebrauchswissen zu schaffen, soll letztlich der Respekt vor kultureller Vielfalt gefördert werden.[4]

Es sind vor allem fünf Bereiche, welche die Konvention dem immateriellen Kulturerbe zuordnet:

  • Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen, einschließlich Sprache als Trägerin immateriellen Kulturerbes
  • Darstellende Künste wie Musik, Tanz und Theater
  • Gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste
  • Wissen und Praktiken im Umgang mit Natur und Universum
  • Traditionelle Handwerkstechniken.

[1]vgl. Vertrag der Panamerikanischen Union von Washington vom Jahre 1935 über den Schutz künstlerischer und wissenschaftlicher Einrichtungen und geschichtlicher Denkmale (Roerich-Pakt).

[2] vgl. http://www.unesco.at/kultur/basisdokumente/ue_schutz_kult_vielfalt.pdf, download 2008-05-30. BGBl. III – Ausgegeben am 21. März 2007 – Nr. 34

[3] vgl. http://www.unesco.at/kultur/kulturvielfalt.htm, Download 2008-05-30.

[4] vgl. http://www.unesco.at/kultur/immat_kulturerbe.htm, Download 2008-05-30.

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